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Donnerstag, 8. November 2012

Zivilcourage und Mediation


Montagmorgen, 10 Uhr, in Weißensee. Fünf Frauen treffen heute zusammen, um zu schreiben. Unser Treff lädt im Programmheft des Freizeithauses unter der Bezeichnung „Schrei(b)gruppe“ ein.
Eine der Frauen ist heute zum ersten Mal hier, eine des „harten Kerns“ fehlt heute.
Hella, eine seit 77 Jahren lebende Mitschreiberin fragt plötzlich: „Wollen wir nicht wieder mal ein ABC -  Darium machen?“
Ich bin für jede Schrei(b)idee offen, frage die kleine Gruppe, ob sie will.
Unsere Neue kennt kein ABC - Darium.
Das ist schnell erklärt: „Eine Überschrift, mir sticht gerade das Wort „Zivilcourage“ ins Auge, oben auf das Blatt schreiben.
Am linken Blattrand, untereinander, das Alphabet aufschreiben. Zu jedem Buchstaben ein Wort, mit dem jeweiligen Buchstaben als Anfangsbuchstaben schreiben. Jedes Wort soll zum Thema „Zivilcourage“ passen. Habe ich das verständlich erklärt?“, beende ich meine kleine Ansprache.
Sie, die Neue, die sicher auch schon von Altersrente lebt, nickt. „Ja, ich hab `s verstanden.“ „Gut, dann man los.“, mein wörtlicher Starschuss.
Stille breitet sich aus. Lediglich die Kuliminen sind zu hören. Leise kratzen sie ihre Spuren auf die Papiere.
Ungefähr 5 Minuten dauert es, bis wir alle von unseren Zetteln aufschauen.
Renate, Inge, Hella, unsere Neue, deren Vornamen wir noch nicht wissen, und ich, haben die linken Blattkanten voller Schrift.
Eine nach der Anderen lesen wir die gefundenen Wörter vor. Erstaunen erfasst uns. Kaum zu glauben, wie viele Wörter wir fanden, zu einem Thema, das wir als: „Schwierige Sache“ einstuften, bevor wir begannen.
Die Zettel werden der linken Nachbarin am Tisch gereicht und jede darf zwei Wörter unterstreichen, dann kommen die Zettel zurück, in die Hände der Frau, die den Zettel beschrieben hatte.
Jede von uns schreibt sich nun alle unterstrichenen Wörter auf ein neues Blatt. Aus diesen 10 Wörtern schreibt jede der Frauen einen Text zum Thema „Zivilcourage“.


Die 10 Wörter waren heute:

gemeinsam,
Sackgasse,
Hoffnung,
Kommentare,
Aggressionen
lamentieren,
Angriffe, Abhilfe,
Nötigung,
Unbehagen
  
20 Minuten lang schreiben wir. Mein Text:




   Zivilcourage und Mediation


                                                       Teil II



Der Kommentar im geerbten „Kurier“ löst in mir Unbehagen aus. Wieder haben Jugendliche Angriffe gegen einen anders Denkenden gestartet. Ihre Aggressionen, mit denen sie nirgendwo auf offene Ohren  und Verständnis trafen, richteten sich gegen einen Obdachlosen. Sie nötigten ihn, sein Geld herzugeben.
Das Geld hatte sich der Mann durch das Sammeln der leeren Bierflaschen, die die Jugendlichen des Viertels am Straßenrand fallen ließen, erarbeitet.
Nun, schlugen die Jugendlichen gemeinsam auf diesen zerlumpt Aussehenden ein. Sie schlugen so brutal zu, dass der Mann irgendwann auf der Straße liegen blieb. Schwer verletzt kam er ins Krankenhaus, weil ein Passant nicht wegsah.
Nun, da diese Nach – richt durch die Medien verbreitet worden war, befindet sich das deutsche Volk in der Sackgasse des kollektiven Lamentierens.
 „Die Schulen arbeiten nicht gut, heutzutage!“, sagen die Einen. „Die Eltern kümmern sich ja nicht mehr um ihre Gören!“, sagen die Anderen. „Es liegt an den Gewaltvideos!“, sagen wieder Andere.
Gemeinsamkeit: Keiner übernimmt die Verantwortung! Ich vermisse es sehr, dass endlich JEDER fragt „Was kann ich ab sofort tun, um Abhilfe zu schaffen?“!
Hoffnung macht mir die Mediation, die Streitbeilegungsmöglichkeit, die im Jugendknast etabliert ist.
Mediation bringt beide Konfliktpartner unter einem Dach zusammen, allerdings ist eine Voraussetzung, dass die freiwillig kommen.
Wenn ein Konflikt zu einer Belastung wird, dann wollen die Beteiligten sich entlasten, wollen den Druck, den sie spüren, loswerden.
Gute Mediatoren bleiben in ihrer Mitte, hören beiden intensiv zu, fragen immer wieder, ob sie das Gesagte richtig verstanden haben, lassen Wut und Enttäuschungen zu.
So können Menschen erfahren, dass intensives Zuhören Aggressionen, hinter denen ja das Interesse steckt, irgendwelche Bedürfnisse zu befriedigen, abgebaut werden.
Mediation ist für mich Hoffnung auf ein friedvolles Miteinander in der Welt. Zu meinem großen Leid mache ich seit zwei Jahren die Erfahrung, dass nur wenige sich Mediatoren Nennende dazu bereit sind, ihre Beteiligung an Konflikten einzugestehen. Ich dachte doch wirklich, dass ich endlich, nach einem halben Jahrhundert intensiven Suchens, eine geistige Heimat gefunden hätte...
Und, es war wie immer; mein Anspruch ist zu hoch. Ich bin das Problem etlicher sich Mediatoren Nennender, weil ich Fragen schreibe....



B.L. 29.1. 2007



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Ich wunderte mich, dass hier noch kein Kommentar ankam - tja, jetzt hab ich sie verändert, die Einstellungen im Hintergrund...
Mal sehn, ob das der Grund war...
Mich freuen Mitschrei(b)ende, nur Mut!