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Donnerstag, 8. November 2012

1962 stand auf meinem Zeugnis:


„Berthild ist streitsüchtig!“


Es war das Zeugnis, das ich am Ende der 4. Klasse erhielt. Ich war damals Schülerin der Allgemeinbildenden-Polytechnischen-Oberschule der Hauptstadt der DDR, Berlin - Ost.
Ich lebte schon seit beinahe 11 Jahren, seit einem Jahr gut „behütet“ durch den antifaschistischen Schutzwall, die Mauer. Mein Vater lebte in der selben Stadt, unerreichbar für uns, in West-Berlin! Diese Kindheit prägte mein Streit-Suche...
Irgendeine Hirnwindung hat diese Beurteilung nicht mehr losgelassen und so trotzte ich mich fortan durch mein Leben, insgesamt 10 Jahre lang an dieser Schule.
Ich wohnte mit meiner Mutter in einer Baptistenkirche und war kein Pionier und keine FDJlerin. Das hieß, dass ich mir in der Schule noch so viel Mühe geben konnte, ich hatte keine Chance –, noch dazu mit meinem Widerspruchsgeist –, eine höhere Schulbildung zu erlangen.
Fragen laut sagen war schon damals für so etliche Leute ein Angriff auf ihr kleines EGO...
Nach dem Abschluss der 10. Klasse stritt ich 3,7 Jahre lang in der Krankenschwesternschule und im Anschluss daran in einigen Stations – Kollektiven.
1984 wurde unstrittig mein Sohn Martin geboren.
Der Diagnose „Epilepsie“ stellte ich mich 1988 – 37 jährig – trotzig entgegen. Ich weigerte mich, entsprechend den Erwartungen der Medizyniker zu leiden! Mein Trotz sagte mir, dass ich niemals ins Schema dem ein Epileptiker zu entsprechen hat, passen werde!
Ich verklagte also den Pastor, meinen Arbeitgeber der gesagt hatte, dass er mich als Epileptiker nicht mehr gebrauchen kann. Es war das zweite Mal in meinem Leben, dass ich mir eine Gerichtsverhandlung antat!
Das erste Mal musste ich klagen, um Unterhaltsvorschuss für meinen Sohn zu bekommen...
Nach der Klage gegen die kirchliche Einrichtung wartete ich auf das Urteil. Ich fragte im Gericht nach und mir wurde gesagt, dass es kein Urteil gibt.
Da stand für mich fest, dass ich mit meinem Kind dieses Land nur noch verlassen kann.
Ich reiste daraufhin am 2.8.1989, mit 5 jährigem Sohn an der Hand, aus der DDR aus.

Ungünstig für mich war, dass ich den Eindruck hatte: „Jetzt, wo wir gehen kommt die halbe DDR mit!“ 
Bewegte Zeiten, vor allem in der Turnhalle in Gießen.
Beim einhundertfünfzigsten Bett hörte ich auf, die Betten zu zählen. Diese Unterkunft konnte ich nur stundenweise pro Tag verkraften. Die Gießener halfen uns, ein paar gemütliche Stunden  in ihrer Mitte zu erleben. Dafür bin ich ihnen noch heute sehr dankbar!
Das Erste was ich vom Westgeld kaufte waren Regenschirme denn als wir in Gießen ankamen goss es immerzu in Gießen.
Nach fünf Tagen und Nächten ging es weiter nach Bayern. Zuerst hat uns „Tante Else“ samt Familie in ihrem Haus wochenlang beherbergt! Hund Fips war für meinen 5 jährigen Sohn der Rettungsanker.
Der 28 jährige Sohn des Hauses, der Martin mit auf seinem Pferd reiten ließ und mit in den Heuschober nahm hat Martin viele Stunden angefüllt mit Glück geschenkt und mir somit auch. Was hätten wir ohne Familie Bücherl in Heinrichskirchen, in dieser für uns so schlimmen Zeit getan? Ich bin ihnen allen sehr dankbar. Eine Tochter des Hauses, Maria, hat uns selber genähte Frottiertücher geschenkt mit denen ich mich noch heute 20 Jahre danach abtrockne und dabei an sie denke. Herzlichen Dank, liebe Maria!
Irgendwann mussten wir in eine Unterkunft für Flüchtlinge, die die Regierung bereitgestellt hatte, umziehen. Mit den bayrischen Mitarbeitenden herzliche  Kontakte herzustellen funktionierte stets sehr schnell und ich war glücklich darüber in den von mir geliebten Bergen gelandet zu sein. Wir wanderten so oft wir Zeit dazu hatten.
Am bayrischen Fernseher dann, in der Geborgenheiterkeit inmitten der warmherzigen BewohnerInnen der Bergregion, sah ich wie die steinerne Mauer in Berlin fiel.
Die BewohnerInnen beider so unterschiedlicher Berlin-Teile verwandelten die Mauer in einen Ort des gemeinsamen Feierns und ich war ausgerechnet jetzt nicht in Berlin!
Das war für mich der Anlass – trotzig – neue Hoffnung zu fassen.
Jetzt kann ich in der Nicht-mehr-DDR etwas bewegen; ich gehe nach Berlin zurück!
Dort, in Berlin, hat mein Sohn auch andere Chancen für seine Berufswahl als hier im behaglichen Grün der Berge.
Der Bayrische Wald war für mich, die ich Berlinerin bin, ein halbes Jahr im Jahr super aber eben nur ein halbes Jahr lang...
Mit der mir zugewiesenen Diagnose und der geöffneten Mauer – was fange ich damit an? Wenig Geld hatten wir aber noch so viel, dass ich mir die „einfälle“ Zeitschrift von und für Epilepsiebetroffene spendieren konnte. Ich wollte alles über Epilepsie wissen und ging parallel dazu in eine Fotogruppe, begann Fotoausstellungen zu hängen.
Auf  www.berlin-weissensee.de  Fotoamateure wird ein kleiner Teil meiner Fotos gezeigt...
 „Von der Leichtigkeit des Mohns“ zeigt Bilder die ich am Weißensee, im Weißenseer Teil von Berlin-Pankow aufgenommen habe.
1993 war ein Plakatwettbewerb zum Thema „Leben mit Epilepsie“ ausgeschrieben. Ich gewann in den deutschsprachigen Ländern den 2. Preis. Sehr schlicht zeichnete ich auf einem grauen A4 Blatt aus DDR Restbeständen Strichmännlein.
Sie alle standen im Kreis, und eines saß im Kreis im Rollstuhl. Ein Männlein hatte einen Blindenführhund an der Leine und alle hatten Rucksäcke. In einen Rucksack schrieb ich „Epilepsie“, in einen anderen „Reichtum“, in einen weiteren „Armut“. Ich weiß noch von einigen Rucksack-Füllungen: „Diabetes“, „Geldmangel“, „Zeitmangel“, „Chefposten“ und „Arbeitslose“. Mit großen Buchstaben schieb ich in die Mitte des Blattes, in den Kreis:

 

„Wer hat wohl am schwersten zu tragen?“



Fotowettbewerbe und Schreibwettbewerbe wurden zu meiner Lebensaufgabe. 2004 habe ich mich an einem Fotowettbewerb beteiligt, der in allen deutschsprachigen Ländern ausgeschrieben war. „Berlin durch die Hintertür“ Berlin aus der Perspektive von Menschen mit Behinderung – Blickwechsel! Sieh ’s mal anders!“, war dessen Motto.
Für das Foto aus meinem Blickwinkel erhielt ich den 2.Preis. Der Gewinn: „Gutschein für 2 Übernachtungen inklusive Halbpension im Doppelzimmer für Frau Berthild Lorenz im Haus Rheinsberg – Hotel am See“.  Auf der Urkunde steht ein Zusatz: „ Der Gutschein ist nicht auszahlbar, gerne übertragbar an Herrn Simon B...“ Ich habe Simon den Gutschein geschenkt und ein kritisches Gedicht geschrieben und dem Preisverleiher geschickt. Ich hätte sehr gerne einen Preis wie der erste und der dritte Gewinner bekommen, der für MICH ist!
Bei einer späteren Veranstaltung in Berlin sprach ich den Veranstalter an, fragte, was er denn zu meinem Gedicht sagt. Er wusste von keinem Gedicht. Ich schickte es also noch ein Mal und auch im März 2007 noch ein Mal...
Ob ich noch auf Antwort warte? Hmmmmmmm...

1993 – wer vom Sozialhilfesatz „lebt“, darf nicht sparen – verständlich, aber Geld für Bildung abzuzweigen? Ich begann nach dem Mauerfall, in Monatsraten von 49,50 DM den 30 bändigen Brockhaus zu kaufen. Ein Band kostete damals 200 DM. Mit meinem Verhandlungsgeschick und der Verhandlungsbereitschaft des Brockhausvertreibenden gelang es mir auf  26 Bände herunter zu verhandeln. Nicht einmal 9 Jahre hat es gedauert bis alle Bücher bei uns gelandet waren; Brockhaus lieferte irgendwann viele Bände gemeinsam!
1991 hatte ich mir ein Fernstudium „Autor werden – Schreiben lernen“ am Institut für Lernsysteme in Hamburg spendierte. Um gut schreiben zu können brauchte ich gute Nachschlagewerke. In vier Schreibgruppen versuchte ich, mein Schreiben zu verbessern.
Seit 2 Jahren leite ich eine Schrei(b)gruppe und bin darüber sehr glücklich. Mit zwei Frauen begann ich damals. Heute zählen 11 Mitglieder zur Gruppe. Die Gruppe wuchs, obwohl ich keinerlei Reklame machte...
„Deine Texte die du an jedem Montag schreibst und uns vorliest was machst du denn mit denen?“
Eine Frage die immer wieder an mich gerichtet wurde. Ich habe lange vorgedacht. Wer druckt meine Texte? Wie verpacke ich sie? Ich fand in der „Federwelt“ einer – Zeitschrift für Autorinnen und Autoren – die Geschichte von den HOSENTASCHENGESCHICHTEN; die hat mich bezaubert und zum Weiterdenken angeregt.
Nun ist das Ergebnis meines Denkens endlich greifbar: „Kurzstreckenbegleiter“ genannt.
Gut in jede Hand passend für kurze Wegstrecken auf dem Lebensweg. Liebevoll gestaltet auf jedem Deckblatt ein Foto das Neugier weckt und mit einem Nachwort das zum  Weiterschrei(b)en Mut macht. Doppelt und vierfach einseitig...
Viel Spaß damit; mir macht das Herstellen dieser gut fassbaren  Kurzstreckenbegleiter viel Freude, die ich gerne weiterreiche...

B.L.
5.9.2008









                                                                                           

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Ich wunderte mich, dass hier noch kein Kommentar ankam - tja, jetzt hab ich sie verändert, die Einstellungen im Hintergrund...
Mal sehn, ob das der Grund war...
Mich freuen Mitschrei(b)ende, nur Mut!